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Der kosmischen First Lady zum 75. Geburtstag - Rainer Blum - 05.03.2012

[ALIGN="center]Die kosmische First Lady –

Zum 75. Geburtstag der ersten Kosmonautin Walentina Tereschkowa am 6. März[/ALIGN]


Liebe Freunde!

Nach „Sigis 75.“ erinnere ich gern an dieser Stelle an weitere Jubiläen, das hat die Zeit nun mal so an sich:

Am 20. Februar zunächst feierte JOHN GLENN den 50 Jahrestag seines Erstfluges in das All als Dritter nach Gagarin und Titow. Mit 90 Jahren noch rüstig und – wie bekannt, mit 77 im Jahr 1998 noch einmal im All.
In Cape Canaveral gab es eine Feierstunde dazu, auf der er bedauerte, dass seine Nation nicht mehr in der Lage ist, Astronauten mit eigenen Mitteln in das All zu schicken, sondern auf fremde (russ.) Hilfe angewiesen seien.

Ein weiterer Name rückt nun in das gedankliche Blickfeld:
[ALIGN="center]Walentina Tereschkowa[/ALIGN]
Am 06. April begeht die damalige Komsomolzin ihren 75. Geburtstag.

G. Kowalski zeichnet (für dapd) das Ereignis in den verschiedenen Sichtweisen nach, die uns damals systemimmanent unbekannt geblieben sind.
Ich finde es wert, für den Interessierten, der in dieser Zeit "groß geworden" ist und natürlich für jeden, der es eben nicht erleben konnte hier zu skizzieren:
Es war ja ein EREIGNIS, die erste Frau im All !

Die damalige Idee, nach Juri Gagarin als erste auch eine Frau in den Weltraum zu schicken, stammt von Nikita Chruschtschow persönlich.
Der sowjetische KP-Chef hat auch gleich die Auswahlkriterien festgelegt: Die erste Kosmonautin sollte eine einfache russische Arbeiterin sein. So wollte er vor aller Welt demonstrieren, dass im Sozialismus jedem alle Wege bis hinauf ins All offen stehen. Aus den Tausenden Bewerberinnen, die ab dem Sommer 1961 an den Kreml schrieben, wurden schließlich fünf ausgewählt, darunter Walentina Tereschkowa.

Die damals 26-jährige Weberin ist dann auch am 16. Juni 1963 in den Weltraum gestartet.
Den Ausschlag für ihre Nominierung als kosmische First Lady gaben aber nicht ihre Trainingsleistungen, die zudem nicht immer die besten waren, sondern, wie von Chruschtschow gefordert, ihre proletarische Herkunft und ihre politischen Erfahrungen als Komsomolfunktionärin.

Die anderen vier Kandidatinnen, die bereits ein Hochschuldiplom hatten oder kurz vor Aufnahme eines Studiums standen, waren dagegen chancenlos. Chefkonstrukteur Sergej Koroljow (1907-66),
der Irina Solowjowa und Walentina Ponomarjowa favorisiert hatte, musste sich fügen(!)


Der Flug der “Tschaika –Möwe”, wie Tereschkowas selbstgewählter Funk-Code lautete, verlief nicht ganz nach Plan.
Die Kosmonautin missachtete mehrfach Weisungen, hatte mit einem schmerzhaft drückenden Helm zu kämpfen, den sie die ganzen drei Tage nicht absetzen durfte, mäkelte über die Kosmosnahrung und nickte auch schon mal zur Unzeit ein, so dass man sich auf der Erde sorgenvoll fragte, ob ihr vielleicht etwas zugestoßen sei.
Koroljow dachte deshalb sogar darüber nach, den Flug zu verkürzen. Entnervt schwor er nach der Fallschirmlandung der Kosmonautin am 19. Juni: “Mir kommen keine Weiber mehr ins All!”

Bis heute wird gerätselt, was genau in die couragierte und selbstbewusste Frau gefahren war. Vielleicht ist ein Vorfall der Grund, den Walentina Tereschkowa erst 2007 enthüllt hat: Wegen einer “Ungenauigkeit” im automatischen Programm sei das Raumschiff immer höher gestiegen. Erst am zweiten Flugtag sei es gelungen, den Fehler zu korrigieren. Koroljow persönlich habe sie damals gebeten, über diesen Vorfall Stillschweigen zu bewahren.

Nach Koroljows Schelte ist die weibliche Kosmonautengruppe bald aufgelöst worden. Mit Swetlana Sawizkaja wurde erst 1982 wieder eine Frau in den Weltraum geschickt. Ihr folgte 1994 Jelena Kondakowa als dritte und vorerst letzte Russin, während die Amerikaner zehnmal mehr Astronautinnen haben.

Nach ihrem Flug ging Tereschkowa in die Politik. Sie war zu Sowjetzeiten Parlamentsabgeordnete und Mitglied des KPdSU-Zentralkomitees. Nach dem Zerfall der UdSSR leitete sie von 1994 bis 2004 mit großem Erfolg das Russische Zentrum für internationale kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit.
In dieser Eigenschaft war sie auch zeitweilig oberste Chefin ihres Raumfahrerkollegen Waleri Bykowski.
Der Dreifach-Kosmonaut, der 1978 mit Sigmund Jähn als erstem Deutschen eine Woche lang im All war, leitete Ende der 1980er Jahr das Haus der sowjetischen Wissenschaften und Kultur in Ost-Berlin.
In Anspielung auf ihren nicht ganz so gelungenen Flug hat Koroljows Stellvertreter Boris Tschertok (1912-2011, fast hundertjährig geworden) der Kosmonautin einmal anerkennend bescheinigt, wenigstens in ihrer gesellschaftlichen und staatlichen Tätigkeit “wahrlich kosmische Höhen” erklommen zu haben.

Auch heute ist Tereschkowa noch politisch aktiv. Sie sitzt für Wladimir Putins Partei “Einiges Russland” in der Duma ihres Heimatgebietes Jaroslawl. Und nun ist Putin wieder Chef im Kreml…

Bis zum nächsten Ereignis
Herzlichst
Rainer